Ausgeraucht

Ein Abbrucharbeiter steigt auf einen Schornstein. - Foto: Thomas Steinberg

80 Meter war er hoch, der Schornstein der Gärungschemie und hatte jahrzehntelang Dreck in die Luft geblasen. Mitte der 90er Jahre hatte er seinen Dienst getan und musste weg. Ihn zu sprengen war unmöglich wegen der umstehenden Gebäude. Also musste er händisch abgetragen werden.

Eine harte Arbeit für zwei Männer: Mit Presslufthammer und Spreizer lockerten sie die Ziegelschichten und stürzten sie in den Schlot. Sie arbeiten unter heute abenteuerlich wirkenden Bedingungen: Die Laufbohlen der Arbeitsplattform waren mit Stricken verzurrt, als Brüstung diente ein in Hüfthöhe gespanntes Seil, das Werkzeug wurde mit einer Handwinde nach oben gezogen. Und die persönliche Sicherheitsausrüstung während des Aufstiegs bestand aus einem breiten Gürtel aus DDR-Beständen.

Fotografisch hielt diese Reportage spezielle Herausforderungen parat. Vorab waren einige Telefonate mit dem Chef der Abrissfirma notwendig, bevor er überhaupt sein Okay erteilte. Oben angekommen, wehte ein eisiger Wind und sorgte für steif gefrorene Finger, mit denen es schwierig war, die Kameras zu bedienen. Die waren anders nicht staubgeschützt und mussten beide nach dem Einsatz in die Werkstatt zur Reinigung. Wieder auf festem Boden, gab es jedoch ein nettes Lob von einem der Arbeiter: „Hätten wir nicht gedacht, dass du da mit hochkommst.“

Dessau, cirka November 1994